Nichts wird die Gesundheit der Menschen und die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung.

 

Albert Einstein 

 

 

Heute kann niemand mehr bestreiten, dass eine abwechslungsreiche fleischfreie Ernährung sehr viel gesünder ist als die westliche Durchschnittskost mit Fleisch. In zahlreichen Studien wurde nachgewiesen, dass viele Zivilisationskrankheiten, wie z. B. Übergewicht, Diabetes, Allergien, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Krebs, durch den Konsum von Fleisch und anderen tierischen Produkten begünstigt werden; es überrascht daher nicht, dass Vegetariern auch eine höhere Lebenserwartung bescheinigt wird. Typische Mythen rund um den Vegetarismus, die häufig aus dem Dunstkreis der Tierwirtschaft stammen, wurden längst als solche entlarvt: So müssen Vegetarier keine Ernährungsexperten sein und komplizierte Berechnungen anstellen, um Mangelerscheinungen zu vermeiden, sie leiden nicht häufiger unter einem Eisenmangel als Fleischesser und ein Proteinmangel ist bei einer ausgewogenen Ernährung und ausreichenden Kalorienzufuhr praktisch unmöglich.

Die Academy of Nutrition and Dietetics (AND), die größte Ernährungsorganisation der Welt, hat 2016 ihr Statement aus dem Jahr 2009 bestätigt, in dem sie die Ansicht vertritt, dass gut geplante vegetarische Ernährungsformen – einschließlich der veganen Ernährung – gesund und ernährungsphysiologisch bedarfsgerecht sind, gesundheitliche Vorteile im Hinblick auf die Prävention und Behandlung bestimmter Krankheiten bieten und für Menschen aller Altersstufen und in allen Lebensphasen geeignet sind, einschließlich Schwangerschaft, Stillzeit, Kindheit und Jugend. Dieser Position folgen eine ganze Reihe weiterer nationaler Fachgesellschaften,

z. B. in Australien, Kanada, Großbritannien, Portugal und Italien. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt eine ovo-lacto-vegetarische Ernährung inzwischen auch für Kinder als Dauerkost, nachdem sie sich lange Zeit kritisch dazu geäußert hatte. In Bezug auf eine vegane Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit sowie im Kindes- und Jugendalter vertritt sie mit ihrer Defizitorientierung international nach wie vor eine Außenseiterposition: Auch in ihrer neuen Stellungnahme vom April 2016 empfiehlt sie sie nicht, gibt jedoch erstmals Empfehlungen ab, die man beachten sollte, wenn man sich dennoch dafür entscheidet. Die teilweise widersprüchlichen Schlussfolgerungen verschiedener Fachgesellschaften sorgen unter anderem in Wissenschaftskreisen für Diskussionen. So wurde im Juli 2017 im European Journal of Clinical Nutrition eine Übersichtsarbeit veröffentlicht, die sich mit den Widersprüchen zwischen den Positionen der AND und der DGE aus dem Jahr 2016 beschäftigt – und die Position der AND bestätigt, dass eine vegane Ernährung auch in der Schwangerschaft, in der Stillzeit und im Kleinkindalter gesund(heitsfördernd) sein kann, wenn sie ausgewogen ist und eine zuverlässige Vitamin-B12-Versorgung sichergestellt wird.

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„Ein Vergleich der vollwertigen Ernährung nach den Empfehlungen der DGE

mit den Empfehlungen für eine vegane Ernährung nach der Gießener vegetarischen Lebensmittelpyramide zeigt, dass die Basis jeweils gleich ist und die entsprechenden lebensmittelbezogenen Empfehlungen sehr ähnlich sind."

Aus dem Positionspapier „Vegane Ernährung“ der DGE, 2016


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In Deutschland laufen derzeit mehrere Untersuchungen, die sich mit der vegetarischen und veganen Ernährung von Kindern beschäftigen: Die VeChi-(Diet-)Studie vergleicht den Ernährungs- und Gesundheitsstatus vegan, vegetarisch sowie mit Mischkost ernährter Kleinkinder von 1 bis 3 Jahren und bewertet ihn anhand aktueller Empfehlungen. Die VeChi-Youth-Studie, die von der DGE im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ausgeschrieben wurde, untersucht den Ernährungsstatus von Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen 6 und 18 Jahren, die sich vegan, vegetarisch oder mit Mischkost ernähren. Zur VeChi-Studie liegen inzwischen vorläufige Ergebnisse vor (siehe hier) und nachdem die Erhebungsphase der VeChi-Youth-Studie abgeschlossen wurde, sind auch hier bald Ergebnisse zu erwarten (siehe hier). Doch ganz unabhängig davon ist angesichts der sich ständig verbessernden allgemeinen Fakten- und Studienlage zur veganen Ernährung und der Entwicklung, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung in Bezug auf pflanzenbasierte Ernährungsweisen durchlaufen hat, davon auszugehen, dass sie sich über kurz oder lang vollends der Position der Academy of Nutrition and Dietetics zur veganen Ernährung anschließen wird. Bei den Krankenkassen jedenfalls, die ein direktes Interesse daran haben, dem Kostendruck infolge des Anstiegs ernährungsbedingter Zivilisationskrankheiten entgegenzuwirken, hat sich bereits einiges getan: Kaiser Permanente, die größte Krankenkasse in den Vereinigten Staaten, legt den ihr angeschlossenen Ärzten inzwischen nahe, ihren Patienten den Umstieg auf eine rein pflanzliche Kost zu empfehlen. Und auch in Deutschland gibt es bereits Krankenkassen, die das Potenzial der pflanzlichen Ernährung erkannt haben und diese Ernährungsweise durch Aufklärung und Anreize fördern.

 

Ohne Zweifel steigt das öffentliche Bewusstsein für das Potenzial der veganen Ernährung und die Rolle, die sie im Rahmen der Gesundheitsbildung einnehmen kann. Dass das Deutsche Kinderhilfswerk dem veganen Starkoch Björn Moschinski 2013 die Schirmherrschaft über seinen Ernährungsfonds verliehen hat, durch den Kinder- und Jugendprojekte rund um die gesunde Ernährung gefördert werden, ist ein gutes Beispiel hierfür. 

Eine  ausgewogene fleischfreie Ernährung ist für Kinder also nicht nur geeignet, sondern empfehlenswert, da sie gesundheitliche Vorteile bietet und bereits in einem frühen Alter ein gesundes Essverhalten fördert. Davon profitiert nicht zuletzt auch die Allgemeinheit, denn die Kosten, die mit der Behandlung von Zivilisationskrankheiten in Verbindung stehen, die durch den Konsum tierischer Produkte verursacht oder begünstigt wurden, gehen zulasten der Steuerzahler.

 

Wie sieht es nun aber mit der so verbreiteten fleischhaltigen Kost aus?

 

Angesichts der Lebensmittelskandale der Vergangenheit, der Realität der Fleischproduktion und der Studienlage drängt sich die Frage auf, ob es rein unter dem gesundheitlichen Aspekt überhaupt zu verantworten ist, Kinder mit Fleisch zu ernähren. Spätestens seit dem Oktober 2015, als die WHO nach Auswertung von mehr als 800 Studien rotes Fleisch als „wahrscheinlich krebserregend“ und verarbeitetes Fleisch (wie etwa Wurst) als „krebserregend“ einstufte, dürfte jedem bekannt sein, wie gesundheitsschädlich der Konsum von Fleisch sein kann. Dabei darf nicht vergessen werden, dass rund 98 % des in Deutschland konsumierten Fleisches aus der Massentierhaltung stammt und somit mit jedem Bissen auch Rückstände von Antibiotika (etwa 85 Prozent aller Antibiotika werden in der Veterinärmedizin eingesetzt!), von Beruhigungsmitteln, Psychopharmaka und anderen Substanzen aufgenommen werden, die in der industriellen Tierhaltung massenweise zum Einsatz kommen. Diese Rückstände sammeln sich über die Jahre im Körper derjenigen an, die diese Tiere konsumieren, was auch erklärt, warum die Muttermilch von langjährigen Vegetarierinnen nachweislich deutlich weniger schadstoffbelastet ist. Auch bei der Bio-Haltung sind beispielsweise Antibiotika in einem gewissen Maß zugelassen und selbst schadstofffreies Fleisch (das es in der Realität kaum gibt) enthält keinerlei Nährstoffe, die nicht auch bei einer ausgewogenen fleischfreien Ernährung problemlos zugeführt werden*, sowie immer auch potenziell gesundheitsgefährdende Substanzen, wie z. B. gesättigte Fettsäuren und Cholesterin.

 

Wir als Eltern tragen die Verantwortung für die Ernährung unserer Kinder und sollten uns darüber im Klaren sein, dass der Grundstein für ein gesundes Essverhalten im Kindesalter gelegt wird. Wer heute noch die Auffassung vertritt, dass Fleisch ein Stück Lebenskraft oder Kuhmilch für starke Knochen notwendig ist, weiß es entweder nicht besser, ist also schlichtweg nicht informiert, oder zieht einen Nutzen daraus, dass solche Behauptungen unkritisch übernommen werden. Wissen ist Macht und nur wer über die notwendigen Informationen verfügt, kann fundierte Ernährungsentscheidungen für sich selbst und seine Familie treffen.

 

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* Bei einer veganen Ernährung ist in jedem Fall eine Supplementierung von Vitamin B12 erforderlich, was von manchen Menschen als „unnatürlich“ wahrgenommen und als Argument gegen diese Art der Ernährung ins Feld geführt wird. In diesem Zusammenhang sollte man jedoch wissen, dass Vitamin B12 weder von Pflanzen noch von Tieren selbst hergestellt werden kann, sondern von Mikroorganismen produziert wird, und dass sogenannte Nutztiere mit Vitamin B12 supplementiert werden, nicht vegan lebende Menschen durch den Konsum von tierischen Produkten dieses Vitamin also indirekt supplementieren. Viel wichtiger erscheint hier jedoch eine Auseinandersetzung mit dem naturalistischen Fehlschluss: Dass etwas natürlich ist, heißt nicht, dass es automatisch gut ist. Natürlichkeit wird häufig als Argument zur Rechtfertigung pseudowissenschaftlicher Praktiken herangezogen und das ist alles andere als harmlos: Eltern, die bei ihren vegan ernährten Kindern einen Vitamin-B12-Mangel riskieren, weil sie eine Supplementierung generell für unnatürlich halten, gefährden die Gesundheit ihrer Kinder genauso wie Eltern, die selbst dann noch auf wirkstofffreie Zuckerkügelchen oder andere von ihnen als natürlich wahrgenommene Heilmittel setzen, wenn wissenschaftlich fundierte medizinische Maßnahmen dringend vonnöten wären, oder Eltern, die Impfungen pauschal ablehnen, da sie nicht in ihr „natürliches Lebenskonzept“ passen (wobei in diesen Fällen nicht nur die Gesundheit der eigenen Kinder aufs Spiel gesetzt wird).
Informationen zur Vitamin-B12-Versorgung bei veganer Ernährung gibt es u. a. auf einigen der Websites und in den Büchern zur veganen Ernährung,
die in den Lektüreempfehlungen aufgeführt sind.